Jenseits des Sichtbaren

Dies ist der Filmtitel der Biografie von Hilma af Klint, der ersten abstrakten Künstlerin, noch vor Kandinsky. Die Frage, wie es gelingt Dinge jenseits des Sichtbaren zu ’sehen‘ ist eine, die mich schon lange und wahrscheinlich mein restliches Leben lang begleiten wird. Und einige Entdeckungen habe ich schon gemacht. 

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Auch wenn ich den Film als sehr sehenswert gerne weiterempfehle, werde ich an der Stelle nicht über Hilma af Klint berichten oder eine Rezension schreiben, vielmehr möchte ich kurz darüber reflektieren, ob bzw. wo es ein „Jenseits des Sichtbaren“ in unserer täglichen Arbeit gibt.

Zwei Aspekte beschäftigen mich in diesem Zusammenhang seit vielen Jahren. Einerseits ist es das Thema der Kulturentwicklung und andererseits das Unbewusste im Unternehmen und wie diese beiden Aspekte zusammenhängen.

Kulturentwicklung im Unternehmen und die unbewussten Schichten

Einen wesentlichen Beitrag zur Erforschung der Organisationskultur in Unternehmen hat Edgar Schein geleistet. Er hat ein Modell entwickelt, das als Eisbergmodell der Organisationskultur bekannt geworden ist.* So wunderschön ein Eisberg anzusehen ist: Wir wissen 6/7 befinden sich unter der Wasser-Oberfläche und damit … genau: Jenseits des Sichtbaren. Auf Organisationen übertragen heißt das: über der Wasseroberfläche sichtbar sind laut Edgar Schein die sogenannten Artefakte – ein Gebäude, das Logo, das Verhalten der Mitarbeitenden. Der Rest befindet sich unter der Wasser-Oberfläche.

Eine Ebene darunter, knapp unter der Oberfläche sind die propagierten Werte und Normen, das was das Unternehmen aktiv von sich gibt und wofür es steht bzw. konkreter vorgibt zu stehen. Dies sind die Werte, die man dann auf der Homepage des Unternehmens lesen kann oder auch in der Imagebroschüre. Im besten Fall sind das auch die Werte, die man im tagtäglichen Umgang mit dem Unternehmen als Kund*in oder Geschäftspartner*in erfährt. Nicht immer ist das aber so, dann nämlich wenn im unteren Bereich des Eisbergs – im Bereich der Grundannahmen und Werte laut Schein – andere Werte gelten als die , von denen man vorgibt sie leben zu wollen. Und genau an dem Punkt kommt das Unbewusste im Unternehmen ins Spiel.

Sind also die  – oft unbewussten – Grundannahmen und Werte in einer Organisation im Widerspruch zu denen, die offiziell verkündet werden, kommt es zu einer Integritätslücke, so die Wirtschaftswissenschaftler Thomas Maak und Peter Ulrich in ihrem Buch ‚Integre Unternehmensführung’*. Wir kennen das alle aus der Praxis, wenn Organisationen oder auch Menschen das Eine sagen, aber etwas Anderes tun.

Wie kann es nun aber gelingen, die Untiefen und die Gefahr des Eisbergs zu umschiffen? Der nachhaltigste Ansatz ist es wohl, sich genau in diese Untiefen zu bewegen, das was im Unbewussten, Verborgenen, also Jenseits des Sichtbaren liegt zu ergründen, zu entdecken und zu beleuchten. Aus der Psychologie heraus steht damit in Zusammenhang das Schattenkonzept von C.G. Jung. Unter der Wasser-Oberfläche sind oft also auch Aspekte und Anteile der Organisation verborgen, die sich die Organisation oder ihre Vertreter*innen nicht eingestehen möchten. Das ist verständlich, denn das ist natürlich nicht immer angenehm. Und doch: Nur so gelingt es, die eigene Organisationen vor bösen, selbst verursachten Überraschungen zu schützen. Denn das Unbewusste hat die Tendenz, sehr gerne auch zu völlig unpassenden Momenten sichtbar zu werden. Denken Sie nur an den einen oder anderen Freudschen Versprecher, der Ihnen wohl auch selbst schon mal unterlaufen ist.

Wenn Sie sich in dieses Thema gerne noch weiter vertiefen möchten, kann ich Ihnen auch meine Masterarbeit „Integrität als Ergebnis einer gelungenen Organisationsentwicklung“ (German) empfehlen. In der Arbeit habe ich nach einer theoretischen Auseinandersetzung mit Integrität dann einen Prozess der Organisationsentwicklung skizziert zur Erhöhung der organisationalen Integrität. Das Buch kann über Morebooks oder Amazon käuflich erworben werden. Sie können mir auch eine Anfrage für ein kostenloses eBook-Exemplar zukommen lassen. Gerne sende ich Ihnen ein solches bei Interesse zu.

— * Buchtipp! Edgar Schein „Organisationskultur und Leadership“
— * Buchtipp! Thomas Maak, Peter Ulrich „Integre Unternehmensführung“

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